Mit den neuen Kontakten veränderte sich langsam auch etwas in mir.
Nicht von heute auf morgen. Es gab keinen bestimmten Moment, an dem ich hätte sagen können: Ab heute bin ich ein anderer Mensch.
Es waren eher viele kleine Veränderungen.
Ich begann, Dinge zu hinterfragen, die ich früher einfach hingenommen hatte. Ich wurde aufmerksamer für meine eigenen Bedürfnisse und merkte immer öfter, dass ich nicht mehr automatisch so funktionieren wollte, wie ich es jahrelang getan hatte.
Vielleicht war es auch die Erfahrung, wie schnell sich ein ganzes Leben verändern kann.
Nach dem Tod meines Mannes war mir etwas sehr deutlich geworden: Nichts ist selbstverständlich. Und plötzlich wurde mir wichtiger, meine Zeit nicht nur irgendwie auszufüllen, sondern sie mit Dingen und Menschen zu verbringen, die sich für mich richtig anfühlten.
Das blieb natürlich nicht ohne Auswirkungen auf meine alten Freundschaften.
Manche Freundschaften veränderten sich mit mir. Nicht unbedingt, weil jemand etwas falsch gemacht hätte. Sondern weil wir uns an unterschiedlichen Stellen im Leben wiederfanden.
Gespräche, die früher ganz selbstverständlich gewesen waren, fühlten sich manchmal plötzlich oberflächlich an. Andere Dinge wurden wichtiger. Ich wollte mehr über das Leben sprechen, über Gefühle, über das, was Menschen bewegt. Ich wollte nicht immer nur erzählen, was gerade erledigt werden musste.
Und manchmal merkte ich auch, dass ich mich in bestimmten Freundschaften selbst wieder in eine alte Rolle hineinbewegte.
Die, die ich jahrelang gewesen war.
Die, von der andere wussten, wie sie tickt. Die vielleicht immer zugehört, organisiert, funktioniert oder Rücksicht genommen hatte.
Aber diese Frau gab es so nicht mehr.
Ich hatte mich verändert.
Und damit veränderte sich auch mein Blick auf manche Beziehungen.
Das war nicht immer leicht. Denn Veränderung bedeutet manchmal auch, festzustellen, dass eine Freundschaft vor allem deshalb so lange funktioniert hat, weil man selbst sich darin angepasst hat.
Manche Menschen blieben.
Manche rückten ein Stück weiter weg.
Und bei manchen war es gar keine bewusste Entscheidung. Der Kontakt wurde einfach weniger, Gespräche seltener, Wege gingen auseinander.
Früher hätte mich das wahrscheinlich beschäftigt. Ich hätte mich gefragt, was ich falsch gemacht hatte.
Jetzt begann ich langsam zu verstehen, dass nicht jede Verbindung dafür bestimmt ist, ein ganzes Leben lang zu bleiben.
Manche Menschen begleiten uns ein Stück.
Manche sehr lange.
Und manche kommen genau dann in unser Leben, wenn wir etwas brauchen, von dem wir selbst noch gar nicht wissen, dass wir es brauchen.
Ich begann, Beziehungen nicht mehr nur danach zu beurteilen, wie lange sie schon bestanden.
Sondern danach, wie sie sich anfühlten.
Ob ich mich zeigen konnte.
Ob ich mich gesehen fühlte.
Ob ich nach einem Gespräch mehr bei mir war – oder weniger.
Das war eine neue Erfahrung für mich.
Und vielleicht war es einer der ersten Schritte dahin, mich selbst wieder ernst zu nehmen.
Hinterlasse einen Kommentar